RE: Historische Omnibusecke

#16 von Zwei , 27.08.2012 18:13

An Wagen 19: Ich habe beim Stadtarchiv nach Fotos vom Unglück an der Günterstalstraße gefragt: es gibt dort keine.
Übrigens sind auch seit langer Zeit alle Akten über dieses Unglück "verschollen".
Ein Schelm, der dabei an Vertuschung denkt ...

Übrigens, bei dieser Gelegenheit fällt mir ein Erlebnis ein. Mitte der 1970er Jahre kam ich zu einem Unfall am Zebrastreifen am Anfang der Lorettostraße. Ein Bus der damaligen Linie A nach Merzhausen war von der Günterstal- nach rechts in die Loretto- eingebogen und hatte dabei auf dem Zebrastreifen einen Fußgänger umgefahren. Der Mann war schwer verletzt.
Die BZ muss sich ja auch immer etwas gut stellen mit der VAG, damit sie ab und zu auch schöne Sachen melden darf. Am nächsten Tag stand also in der Badischen Zeitung, dass ein PERSONENWAGEN in der Lorettostraße einen Fußgänger angefahren und schwer verletzt hat. Im Prinzip ist auch ein Bus ein Personenwagen, aber in der Zeitungsmeldung diente das "Personenwagen" wohl eher der Vertuschung.

An Florian und wen es interessiert: Amann hatte auf der linken Seite der Lorettostraße bei seinen Wohnhaus tatsächlich auch einen Stall. Ob dort aber alle seine Pferde reinpassten, weiß ich nicht so recht. Amann war aber verwandt mit einem anderen Lohnkutscher, nämlich mit Andreas Bernhardt aus der Konradstraße, und der hatte viele Pferde und Wagen. Vielleicht konnte Joseph Amann auch dort ein paar Pferde unterstellen.

 
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RE: Historische Omnibusecke

#17 von Wagen 19 , 27.08.2012 22:19

Herzlichen Dank für die Infos, insbesondere die Nummerierung der außenliegenden städtischen Gebäude war mir neu. - An dir ist echt ein Historiker verloren gegangen - weiter so!

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RE: Historische Omnibusecke

#18 von Zwei , 31.08.2012 16:10

Ich möchte noch etwas zu den Reitbahnen richtig stellen.

Laut Akten der Universität hat diese tatsächlich vorgehabt, die Reithallen und Ställe des Militärs an der Hugstetter Straße 100 (heute: Elsässer Straße 2) mitzubenutzen. Nämlich zwei Stunden täglich. Dazu scheint es aber dann doch nicht gekommen zu sein.

Karl Gräff, damals ein Reitfachmann, der zunächst in Straßburg, später in Freiburg beim Militär war, mußte, als nach dem ersten Weltkrieg abgerüstet wurde, die Tätigkeit aufgeben. Er bewirtschaftete nun die Militärkantine an der Hugstetter Straße 100. Aber auch diese Tätigkeit musste er aufgeben, als in der bisherigen Kantine die Bereitschaftspolizei einquartiert wurde.

Die Stadt stellte Gräff daraufhin eine Halle an der Lehener Straße 100 (wo vorher die städtische Abfuhr angesiedelt war) zur Verfügung, wo er Privatpersonen (und im Auftrag und mit finanzieller Unterstützung der Universität auch Studenten) Reitunterricht gab. Vielleicht handelte es sich bei dieser von der Stadt an Gräff vermieteten Reithalle an der Lehener Straße 100 um genau die Halle, wo von 1901 bis 1904 die arbeitslos gewordenen Tramwagen untergestellt waren.

Im Sommer 1928 ging das Reitinstitut Gräff auf in die neugegründete "Freiburger Reitanstalt AG", an der auch die Universität beteiligt war, und die nun endlich in der Hugstetter Straße 100 (bei der Artilleriekaserne) ansässig war.

Auf diese Weise ist die Verbindung mit den Freiburger Pferdeomnibussen hergestellt. Denn Adolf Jenne, der zweite Unternehmer der Freiburger Pferdeomnibusse, war bekanntlich auch Besitzer der "Universitätsreitbahn" an der Turnseestraße.

 
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RE: Historische Omnibusecke

#19 von Zwei , 02.09.2012 09:57

Am 20.09.1899 hatte der Stadtrat den Antrag des Herrn Künstle um Verlegung der Haltestelle Rennweg negativ beschieden. Am 30.01.1900 erreichte ihn wieder ein Gesuch um Verlegung dieser Haltestelle, diesmal von Georg Nibbe aus der Tivolistraße, dem Vorsitzenden des Lokalverein Herdern:

"Die Bewohner der Hauptstraße (Herdern), welche den Tramwagen zu benützen pflegen, klagen über den unzweckmäßigen Haltepunkt des Wagens an seiner jetzigen Stelle, von welchem aus eine Übersicht über die Hauptstrasse nicht zu ermöglichen ist. Da die Folge hiervon ist, daß viele Passagiere in die Lage kommen, den kurz zuvor abgefahrenen Wagen nicht mehr zu erreichen, so ersuchen wir ergebenst den Haltepunkt der Wagen einige Schritt nördlicher & zwar zwischen das Haus des Herrn Schwähr und der Wirtschaft „zur Stadt Wien“ zu verlegen; dabei den Wagenführern anzubefehlen, vor der Abfahrt die Hauptstraße zu überblicken, um eventuell nahende Passagiere durch Glockenzeichen von der bevorstehenden Abfahrt des Wagens zu benachrichtigen.
Mit der Bitte um ein geneigtes Eingehen auf unseren Wunsch zeichnet
Ergebenst
Lokalverein Herdern
Vors. G. Knibbe
"

Dieser Antrag beeindruckte den Stadtrat. Er wies das Tiefbauamt an, die Pflasterung der Haltestelle um 16 Meter nordwärts zu verlegen. Die Kosten für die Stadtkasse beliefen sich auf etwa 30 Mark. Der Unternehmer Jenne wurde über die Änderung informiert.

 
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RE: Historische Omnibusecke

#20 von Zwei , 08.09.2012 23:10

Am 07.03.1901 beschwerte sich der Ingenieur Ludwig Hailer aus der Goethestraße beim Stadtrat, weil der Omnibus an der Ecke Günterstalstraße / Konradstraße zwischen den beiden gepflasterten Straßenübergängen gehalten hatte:
"Beschwerde gegen den Trambus Kondukteur Nier:
Ich führe hiermit gegen Nier Beschwerde. Samstag 2. März 01 Nachm. 3.20 beabsichtigte ich mit meiner Frau den Omnibus in der Güntersthalstr. Ecke Konradstr. zu benützen.
Der Kutscher hielt zwischen den zwei gepflasterten Übergängen. Zwischen diesen Erhöhungen war ein knöcheltiefer Kothstuhl, so daß das Einsteigen besonders für eine Frau geradezu unmöglich war.
Auf mein Verlangen, nochmals anziehen zu laßen, weigerte sich der Kutscher. An den Kondukteur mich wendend erhielt ich den Bescheid, daß er nur einmal halten lasse und daß er weiter führe wenn ich sowie meine Frau nicht an besagter Stelle einsteigen wolle. Ich bedeutete dem Kondukteur daß wenn er nicht vorfahren laße um trockenen Fußes einsteigen zu können, ich ihn zur Anzeige bringen würde. Darauf hin fuhr er weiter.
L. Hailer
"

 
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RE: Historische Omnibusecke

#21 von Zwei , 09.09.2012 14:50

Herr Heizmann von der Abfuhrverwaltung wurde beauftragt, die Umstände des Vorfalls zu klären.

Der Tramwagen-Kutscher Joseph Hiestand sagte aus: "Es war an der nordwestlichen Ecke der Konradstraße, als ich nach der Stadt zu, fuhr. Dort standen auf dem Trottoir, am Eck, zwei Herren und eine Dame. Als ich sie sah, hielt ich an, ohne daß ich angerufen wurde.
Der eine Herr, ein alter Mann, der am Stock geht, stieg ein. Der andere aber kam zu mir und sagte ich solle noch ein wenig vorfahren. Ich sagte „ich kann nicht mehr vorfahren, die Pferde sollen so wenig wie möglich anziehen, wenn es aber der Condukteur befiehlt, so fahre ich vor.“
Der Condukteur sagte aber, daß es ihm leid tue, zwei Mal vorfahren könne man nicht. Der Herr stieg dann nicht ein. Bisher habe ich, seit dem 15. October 1900, noch nie eine Reclamation gehabt.
"

Der Tramwagen-Schaffner Gottlieb Nier sagte aus: "An der Konradstraße standen drei Personen, darunter der Oberlehrer Kempff. Ich ließ wegen diesem Mann, der täglich den Tramwagen benützt, und nicht gut laufen kann, extra nach der Seite der Konradstraße, statt nach rechts, der Erwinstraßen-Seite, fahren. Die Vorschrift lautet, daß rechts gefahren werden muß und daß zwischen den Kreuzungen nicht gehalten werden darf. Im vorliegenden Falle aber ließ ich, weil eine gebrechliche Person zu berücksichtigen war, eine Ausnahme machen. Man konnte an der Stelle gut einsteigen; Herr Kempff bestieg auch sofort den Wagen. Der andere Herr aber machte sich vornen mit dem Kutscher zu schaffen und verlangte schließlich von mir den Namen des Kutschers zu wissen, den ich nicht angeben konnte, weil ich es selbst nicht wußte. - Endlich sagte er: „Fahren Sie noch einen halben Meter vor“ - Ich sagte darauf dem Herrn ganz anständig, daß es mir leid tue, das könne nicht gethan werden. -
„Dann zeige ich Sie an“ erwiderte er und ging fort. „Fahren Sie nur zu.“
Der Weg in der Güntersthalstraße ist gegenwärtig, in Folge der Aufgrabungen, sehr schlecht. Es kommt vor, daß man ich Löcher geräth und nicht mehr fort kommt, man muß dann Vorspann geben und kann die Fahrzeit nicht mehr einhalten. Herr Jenne hat mir deshalb befohlen vorsichtig zu sein und den Wagen immer so zu stellen, daß man wieder wegkommt.
Aus diesem Grunde ließ ich auch nicht vorfahren.
"

Herr Heizmann teilte daraufhin dem Unternehmer Jenne mit: "I. Ein großer Verstoß gegen die polizeiliche Fahrordnung wurde dadurch gemacht, daß nach links, statt rechts gefahren wurde. Angeblich wurde das aus Gefälligkeit gegen einen Passagier gethan, um so unhöflicher war es dann, das Verlangen der beiden anderen Passagiere: „einen halben meter vorzufahren“ abzuweisen.
II. Den beiden Bediensteten ist ein Verweis mit Androhung der Entlassung im Wiederholungsfalle zu ertheilen.
"

Den beiden Bediensteten des Wagens 2, Nier und Hiestand, wurde von Herr Jenne ein Verweis erteilt mit Androhung der Entlassung im Wiederholungsfalle. Herr Hailer wurde informiert. Damit war die Angelegenheit erledigt.

 
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RE: Historische Omnibusecke

#22 von Zwei , 12.09.2012 20:24

Die Leo-Wohleb-Strasse gibt es erst seit wenigen Jahrzehnten. Die Schwarzwaldstraße war früher auch zwischen Schwabentorbrücke und Brauerei Ganter in beide Richtungen befahrbar, wie heute noch für die Straßenbahnen.

Die sowohl vom Unternehmer Amann als später auch vom Unternehmer Jenne nicht geliebte Linie Schwarzwaldstraße - Bahnhof verlief seit ihrem Entstehen im Oktober 1893 zunächst so:
Schwarzwaldstraße - Schwabentorbrücke - Schwabentorstraße - Schwabentor - Salzstraße - Kaiserstraße - Rathausgasse (früher: Eisenbahnstraße) - Eisenbahnstraße - Bismarckallee (früher: Bahnhofstraße). Amann glaubte, durch die Fahrt über die Rathausgasse mehr Menschen zum Mitfahren zu animieren. Außerdem empfand er es als wichtig, an der Hauptpost entlang zu fahren.

Weil die Rathausgasse aber auch damals nicht breiter war als heute, verfügte das Bezirksamt noch im Oktober 1893, dass die Wagen statt über die Kaiser- und Rathausgasse über die obere Bertoldstraße und die Rotteckstraße zur Eisenbahnstraße fahren sollten. Der Stadtrat unterstützte diese Verfügung.

Schon einen Monat später wurde auf Drängen von Amann wieder die alte Route über die Rathausgasse eingeführt. Offenbar war diese Strecke tatsächlich etwas lukrativer. Amann musste aber zugestehen, dass für aus der Fahrt durch diese enge Gasse resultierende Verspätungen er verantwortlich sei.

Wegen zu geringer Fahrgastzahlen stellte Amann diese Linie im März 1894 wieder ein.

Im November 1896 übernahm Jenne nahtlos von Amann die beiden Hauptlinien (Lorettostraße - Rennweg und Freiburg - Günterstal). Im Juni 1897 nahm Jenne auch die Linie Schwarzwaldstraße – Bahnhof wieder in Betrieb. Die Strecke führte nicht mehr durch die Rathausgasse, sondern über die obere Beroldstraße, dann scharf rechts ab in die Rotteckstraße und kurz darauf wieder scharf links in die Eisenbahnstraße.

Auch Jenne klagte übrigens bald über viel zu geringe Fahrgastzahlen auf dieser Linie.

Im August 1897 schrieb der Lokalverein Stühlinger eine Eingabe an den Stadtrat. Wenn man über die Brücke vom Stühlinger zur Bertoldstraße liefe, könne man die an der Einmündung Eisenbahnstraße wartenden Tramwagen nicht sehen. Wenn die Haltestelle der Tramwagen näher zur Stühlinger Brücke verlegt würde, etwa vor den Südausgang des Bahnhofs, dann könnte auch die Bevölkerung des Stühlinger die Tramwagen viel einfacher nutzen. Der Stadtrat befand aber, dass im Interesse der Fremden und der Einheimischen die Haltestelle der Tramwagen unbedingt gegenüber dem Haupteingang des Bahnhofs belassen werden müsste.

Im November 1897 wandte sich der Lokalverein Stühlinger erneut an den Stadtrat. Wenn die Tramwagen von ihrer Haltestelle aus über die Bismarckallee und die untere Bertoldstraße zur Stadt führen, könnten die Bewohner des Stühlinger, im übrigen auch die Bewohner der Wilhelmstraße, die Tramwagen auf dem Weg zur Stadt leichter nutzen. Der Fahrweg sei nicht weiter, außerdem entfiele die scharfe Kurve von der oberen Bertoldstraße in die Rotteckstraße, wo es schon mehrfach Unfälle gegeben habe. Wer von der Stadt zur Hauptpost wolle, könne auch die wenigen Schritte von der Haltestelle am Bahnhof aus laufen. 160 Unterschriften trug dieses Schreiben; die meisten Unterzeichner waren Bewohner des Stühlingers.

Der Stadtrat befand, dass die Abzweigung Bertoldstraße – Rotteckstraße wirklich scharf sei, die bisherigen Unfälle seien aber zumeist auf die Ungeschicklichkeit der Kutscher in dieser engen Kurve zurückzuführen. Die Argumentation der Lokalvereins überzeugte dennoch sowohl den Stadtrat als auch das Bezirksamt. Seit Januar 1898 wurde von den städtischen Tramwagen die entsprechend geänderte Strecke befahren. Die Bewohner des Stühlinger konnten seither von der Brücke kommend den Tramwagen ab der Ecke Bismarckallee und Bertoldstraße benutzen.

Das städtische Liniennetz entsprach jetzt dem der im Herbst 1901 ins Leben getretenen Straßenbahn.

 
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RE: Historische Omnibusecke

#23 von Wagen 19 , 22.09.2012 20:50

Mein Beitrag hat nicht direkt mit Omnibussen zu tun, aber ich möchte auf eine sehenswerte Ausstellung hinweisen, die noch bis zum 6. Oktober 2012 im Zentrum Oberwiehre (ZO) zu sehen ist. Sie bietet zur Thematik 10 Jahre B 31 Ost sowie zu den früheren Planungen der Autoschnellstraße (ASS) und der vorgesehenen Schwarzwaldautobahn A 86, teils auf der alten Höllentalbahn-Trasse, viel Sehenswertes.

Darunter zahlreiche Artikel aus der Badischen Zeitung, unter anderem auch zur Frage der Untertunnelung von Roßkopf und Schloßberg.

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RE: Historische Omnibusecke

#24 von Zwei , 25.09.2012 22:15

Falls zufällig jemand einen fast neuen Omnibus aus Offenburg braucht, sollte er sich beeilen, denn das Angebot ist bereits etwas älter:

"[1] Offenburg. (Omnibus-Verkauf.) Ein beinahe ganz neuer Omnibus (Façon Dilligence), grün lackirt, 25 Personen fassend, ist billig zu verkaufen – wo? ist zu erfragen bei Joseph Anton Billet."

Es kann nicht garantiert werden, dass Herr Billet noch lebt und dass der grüne Bus noch zu haben ist, denn das Inserat erschien im Offenburger "Wochenblatt" Nummer 27 am 5. Juli 1844. Quelle: Stadtarchiv Offenburg 822-8.

 
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RE: Historische Omnibusecke

#25 von Zwei , 25.09.2012 22:25

Wie von Engeln getragen fühlten sich die Fahrgäste des neuesten Omnibus-Modells auf sechs Gummirädern. Die Zeitung "D'r alt Offeburger" schwärmte in der Ausgabe 1333 am 8. Februar 1925:

"Ein Omnibus der Zukunft hielt am Freitag Vormittag zum Besuch vor dem Rathause, um etliche Offenburger als Gäste zu einer Probefahrt durch‘s Höllental einzuladen. Als Endstation der Reise wird München bezeichnet. Es handelt sich um den Büssing‘schen Sechsrad-Omnibus, für dessen Betrieb eine Generalvertretung für die hiesige Karosseriefirma Dierks und Wroblewski erteilt wurde. Sachkenner erklären, dieser auf 6 Gummirädern davoneilende Gesellschaftswagen sei das Vollkommenste, was in dieser Beziehung bisher auf dem Markt war. Der Wagen werde nicht nur für Überlandzwecke führend sein, sondern es wird damit in erster Linie der Großstadtverkehr geregelt werden, weil die Beförderung eine viel schnellere und obendrein noch billiger sein wird, gegenüber der Straßenbahn.
Vor der Abfahrt hat Herr Photograph Grimm eine Aufnahme der Szene gemacht. Eine zweite Reise ging am Freitag nach Triberg. Unsere Fahrgäste sind sehr befriedigt von der Bequemlichkeit und fahrtechnischen Sicherheit des Sechsrad-Omnibusverkehrsmittels. Wer die rüttelnde Reise in einem Postauto-Anhänger ins Hanauerland zur Besatzungszeit mitmachte, wird sich jetzt vorkommen wie von Engeln im Fluge durchs Weltall getragen.
Dem Eisenbahnverkehr bereitet diese neueste Personenbeförderung eine beachtenswerte Konkurrenz. Uns, die wir mit der Aussicht für die Flugstation auf eine Zukunft vertröstet werden, ist der Elite-Omnibus ein willkommenes Vehikel.
"

Quelle: Stadtarchiv Offenburg 822-8.

 
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RE: Historische Omnibusecke

#26 von Zwei , 03.10.2012 07:59

Am 16. Mai 1899 beschwerte sich Marie Wasmer:

"Bedaure hiermit verehrl. Stadtrat die traurige Mitteilung zu machen mit welcher groben Fahrlässigkeit der Condukteur Jak. Schmidt am Tramwagen Waldsee – Bahnhof N. 9 mich vom Wagen absetzte.
Gestern Montag 1/2 6 Uhr (Mai 15.) fuhr ich von der Schwarzwaldstraße nach der Schusterstraße und wollte daselbst aussteigen.
Ich forderte den Genannten höflich auf u. zwar drei Mal mich absteigen zu lassen bei der Traube ankommend, während ich erst auf letztes Bitten hin erhört wurde.
Zufällig stiegen dort mehrere Personen ein u. dann sagte mir der Mann daß ich jetzt aussteigen könnte; doch hatte ich kaum einen Fuß auf dem Pflaster als der Condukteur nach der Klingel zog u. die Pferde davonliefen u. ich durch die Wucht dermaßen auf das Pflaster geworfen wurde, daß ich mit einem Loch im Kopfe blutüberströmt liegen blieb u. in Ohmacht verfiel, woselbst ich von einem Schutzmann Namens Leist aufgehoben u. weggeführt wurde; während der Condukteur ganz herzlos und unbekümmert davonfuhr.
Ich ließ mich nach dem ich wieder meine Geistesgegenwart erlangt abwaschen u. verbinden und bin nun genöthigt ärztliche Hülfe in Anspruch zu nehmen.
Daß ich nun 10 Tage arbeitsunfähig binn durch diese grenzenlose Fahrläßigkeit welche durch Halten für 3 Sekunden wäre verhindert worden so möchte ich verehrlichen Stadtrat höflichst bitten mich mit dem Schadenersatz für 10 Tage in denen ich 30 Mk verdiene u. zwar als Kellnerin zu erkennen, während ich für die ärztliche Hülfe selbst sorge indem ich vorziehe mich im Spital verpflegen zu lassen, um anstandshalber nicht mehr Kosten verursachen zu müssen.
Ich bin leider ohne Mittel u. fällt dies einer Frau umso schwerer da ich nun meines Brodes für einige Wochen beraubt binn u. darauf angewiesen durch Aushilfschaften mein Geld zu verdienen.
Es kennen mich hier verschiedene Schutzleute die mir einen guten Leumund nachrufen können worauf ich mich einstweilen zu stützen gedenke; ferner wird mir verehrlich. Stadtrath auch zugeben daß es des Mannes Pflicht und Schuldigkeit war so lange zu warten bis ich abgestiegen war.
Falls verehrl. Stadtrath das ärztliche Attest zu haben wünscht so bin ich gerne bereit dasselbe einzuhändigen.
Stelle hiermit verehrl. Stadtrath obiges zur Ausfertigung anheim mit der ergebensten Bitte mich mit meinem Anliegen u. den Schmerzen die mir der Fall verursacht berücksichtigen zu wollen.
Hochachtungsvoll
Marie Wasmer
Schusterstr. 17 II Sk

Condukteur: Jakob Schmidt, Scheffelstr. 42
Zeuge: Leist Schutzmann
"

 
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RE: Historische Omnibusecke

#27 von Florian , 03.10.2012 16:25

Und ist bekannt, ob die Stadt reagiert hat?
Hat die Dame Schadensersatz erhalten? Bekam der rüpelhafte Kondukteur Konsequenzen?

Florian  
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RE: Historische Omnibusecke

#28 von Zwei , 03.10.2012 18:27

Zitat von Florian
Und ist bekannt, ob die Stadt reagiert hat?
Hat die Dame Schadensersatz erhalten? Bekam der rüpelhafte Kondukteur Konsequenzen?


Ja Florian, die Stadt hat reagiert. Aber bekanntlich wiehert der Amtsschimmel nicht besonders schnell. Es musste erstmal die Abfuhrverwaltung beauftragt werden, entsprechende Erhebungen anzustellen. Das zog sich etwas in die Länge. Demnächst folgen hier an dieser Stelle die ersten zweckdienlichen Zeugenaussagen.

Florian, Du willst doch auch nächste Woche noch was zu lesen haben, oder?

 
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RE: Historische Omnibusecke

#29 von Zwei , 06.10.2012 16:04

Seit November 1896 war die Städtische Abfuhrverwaltung beauftragt, das Tramunternehmen zu beaufsichtigen. Während die Abfuhr (zuständig für Entsorgung von Müll und Kloake, Umwandlung von alledem in Dünger, sowie Düngerverkauf) damals an der Lehener Straße 100 angesiedelt war (das heutige Haus 100 hieß früher 100a; Nummer 100 war damals ungefähr da, wo seit Mitte der 1970er Jahre der DRK-Kreisverband angesiedelt ist), bestand die Abfuhrverwaltung aus einem kleinen Büro in der Rheinstraße, das sich in der dortigen Wohnung des Chefs der Abfuhr, Herrn Abfuhrverwalter Heizmann befand.

Nachdem Fräulein Wasmer verunfallt war und am nächsten Tag eine Beschwerde an die Stadt Freiburg geschrieben hatte (beziehungsweise von irgendwem schreiben gelassen hatte), leitete der Stadtrat die Beschwerde an Herrn Heizmann weiter zum Zweck der Erhellung der Umstände des Unfalls. Herr Heizmann bestellte zunächst den Beschuldigten ein, Herrn Jakob Schmidt. Die Zeugenvernehmung des Herrn Schmidt fand am 21.05.1899 statt, also an einem Sonntag. Die Bediensteten der Tramwagen hatten monatlich einen freien Werktag plus einen halben Sonntag. Da Herr Schmidt normalerweise täglich 14 Stunden arbeiten musste, dürfte die Vernehmung vermutlich an seinem monatlichen freien Sonntagmorgen stattgefunden haben. Und zwar im Büro bei Herr Heizmann in der Rheinstraße.

An diesem Sonntag, 21.05.1899, protokollierte Herr Heizmann:

"#1 Erscheint Jacob Schmitt,
Schaffner beim Tramwagen und sagt aus:
Der Tramwagen mußte, da die Salzstraße abgesperrt war, durch die Schusterstraße fahren. Der Wagen fuhr nach der Kaiserstraße zu. - Die Frau hat nicht verlangt, daß gehalten werden soll und der Wagen hat auch nicht gehalten, als sie abstieg, während dem Fahren ist sie herunter.
Zeuge dafür ist Controlleur Gilbert beim städt. Wasserwerk.
Jakob Schmidt
Zur Beglaubigung: Heizmann
"

Daraufhin nahm Herr Heizmann Kontakt auf zu Herr Wasserkontrolleur Gilbert vom Städtischen Wasserwerk und lud ihn zur Zeugenbefragung auf den kommenden Dienstag ein.

(Fortsetzung folgt)

 
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RE: Historische Omnibusecke

#30 von Zwei , 09.10.2012 08:04

Am 23.05.1899 protokollierte Herr Heizmann:

"#2 Herr Controlleur Gilbert sagt aus:
Ich habe nicht gehört, daß die Frau den Schaffner aufgefordert hat „halten zu lassen“. Vielmehr sprang sie plötzlich hastig heraus, gerade zu als ob sie Etwas vergessen habe. Auf die Aufforderung des Condukteurs „Warten Sie doch“ hörte sie nicht und sprang ab – aber so, als ob sie eine gewöhnliche Treppe hinunter gehe, dabei kam sie zu Fall. Es regnete gerade stark, der Boden war schlüpfrig. Blut habe ich keines gesehen. Ob die Frau dem Schaffner vielleicht im Wagen sagte, daß er halten lassen solle, das weiß ich nicht; gehört habe ich nichts.
Jul. Gilbert
Zur Beglaubigung: Heizmann

#3 Frau Mathilde Adler, Schusterstr. N. 32 gibt an:
Ich kam zufällig zu dem Unfall, als die Frau wieder aufgestanden war. Ich bemerkte am Halse einen rothen ... Blut. Mir kam es vor, daß die Verwundung durch den Kamm – im Haare - verursacht worden ist.
Frau Mathilde Adler
Zur Beglaubigung: Heizmann

#4 Carl Leist, Schutzmann sagt aus:
Ich war in nächster Nähe des Tramwagens und sah, wie die Frau, als der Wagen im Trab war, wie sie heruntersprang und hinstürzte. Sie blutete hinten am Kopfe, ich glaube, daß es vom Kamm kam. Ich hob die Frau auf, die alsbald weiterging. Der ganze Vorgang dauerte 1 – 2 Minuten. Vom Schaffner, daß sie ihn zum Halten aufforderte u./m., hat sie gar Nichts erwähnt.
Karl Leist Schutzmann
Zur Beglaubigung: Heizmann
"

Herr Heizmann forderte nun ein Attest von der Universitätsklinik an.

(Fortsetzung folgt')

 
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