" Z' Friburg in der Stadt - Suufer isch's un glatt " ...

#1 von Edgar , 03.07.2009 00:27

Reglementierungen für eine saubere, 'ordentliche' Innenstadt (mit einem Video von "TV Südbaden" ) :

Zitat
Strengere Regeln für Nutzung des öffentlichen Raums - Bürgermeisteramt will Altstadt-Flair schützen

Das Bürgermeisteramt der Stadt Freiburg will Sondernutzungsrichtlinien für den öffentlichen Raum in der Innenstadt einführen. Demnach sollen die Bewirtungsflächen der Gastronomie auf öffentlichen Plätzen nicht weiter wachsen. Gleichzeitig werde es neue Vorgaben für die Ausstattung der Außenflächen geben, teilte die Stadt mit. So dürfen Tische und Stühle nur noch aus Holz oder Metall sein, Sonnenschirme dürfen keine Werbung mehr enthalten. Auch die Flächen für Warenauslagen sollen beschränkt werden. Die neuen Richtlinien sollen das Flair der Altstadt schützen, sagte Oberbürgermeister Dieter Salomon.

Quelle: TV Südbaden (Video)

Wo sind eigentlich die bunt gemischten Marktstände vom "Kartoffelmarkt" abgeblieben, die einstmals "nur vorübergehend" aus dem 'Stadtbild' entfernt wurden ?

Man kann darauf warten, bis eine Verordnung in Kraft tritt, wonach ALLE Freiburger Bürgerinnen und Bürger nur noch in 'standesgemäßer' mittelalterlicher Gewandung die Innenstadt betreten dürfen ...

Ausnahmsweise (versprochen !!!) ein wenig 'Heimatdichtung':

Johann Peter Hebel (1760 - 1826)

"Der Schwarzwälder in Breisgau"
(Auszug)

Z' Fryburg in der Stadt,
suufer isch's un glatt;
riichi Heere, Geld un Guet,
Jumpfere wie Milch un Bluet,
z' Fryburg in der Stadt.

dagegen in einer anderen Strophe:

Z' Staufe uf em Märt
henn si, was me gehrt:
Tanz un Wii un Lustberkait,
was airn numme 's Herz erfreut,
z' Staufe uf em Märt !

Quelle: Staufen-im-Breisgau.de

Für mich stellt hier Johann Peter Hebel das 'saubere', sterile und reiche Freiburg dem fröhlichen, lebendigen, ländlichen Staufen gegenüber. Einige 'gewichtige' Freiburger missverstehen diese Kritik jedoch bis zum heutigen Tage - zum Leidwesen der "Lustbarkait".

Und hier der Versuch einer (wörtlichen) 'Übersetzung' vom 'Alemannischen' ins 'Hochdeutsche':

Zu Freiburg in der Stadt,
sauber ist's und glatt*;
reiche Herren, Geld und Gut,
junge Frauen, wie Milch und Blut,
zu Freiburg in der Stadt.

Zu Staufen auf dem Markt
haben sie, was man begehrt:
Tanz und Wein und Lustberkeit,
was einem nur das Herz erfreut,
zu Staufen auf dem Markt !

*) Unter "glatt" versteht die Alt-Freiburgerin, Frau Gabriele Fahr, eine Vergleichs- bzw. Steigerungsform von "sauber"; eine Ex-Grünwalderin würde es mit dem in diesem Zusammenhang negativ besetzten "geschleckt" übersetzen ...

 
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RE: " Z' Friburg in der Stadt - Suufer isch's un glatt " ...

#2 von Lessmann_Daniel , 19.12.2010 23:33

Danke für die Gegenüberstellung der beiden Gedichtstrophen!! Bis grad eben dachte auch ich noch, der vielzitierte (um nicht zu sagen überstrapazierte) Vers sei als Lob gemeint, ebenso wie die gesamte Strophe, deren Text irgendwo mal zitiert war. So erscheint dieses vermeitliche Lob jedoch in einem völlig anderen Licht.

Wir Freiburger und Freiburgerinnen müssen uns wirklich mal fragen (oder zumindest die Frage gefallen lassen), was für ein Freiburg wir wollen und für wen. Nein, nichts gegen das (in Teilen) mittelalterliche Stadtbild - das gehört zu dem, was ich an Freiburg ganz besonders liebe (ebenso wie die wunderschöne Lage im Breisgau direkt am Schwarzwaldrand, nsbesondere, daß man von der Stadtmitte aus nach nur wenigen hundert Metern Fußweg im Schwarzwald ist...). Auch nichts gegen Touristen (zumindest nichts Verallgemeinerndes).

Aber die zunehmende Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes stört mich doch sehr. Mir wären mehr öffentliche Sitzgelegenheiten, auf denen man sich ohne Verzehrzwang niederlassen kann, lieber als immer mehr Gastronomiebestuhlung. Daß an letztere gewisse Anforderungen gestellt werden und insbesondere daß einen die Sonnenschirme nicht mit Limonaden- und Bierwerbung belästigen dürfen begrüße ich allerdings. Und auch daß die Stadtreinigung sich größte Mühe gibt, die Fußgängerzone sauber zu halten, finde ich gut - wobei dieser Aufwand eigentlich nicht nötig wäre, wenn es nicht jede Menge ****** gäbe [Selbstzensur; reimt sich auf die Kanzlerin... ], die ihren Abfall einfach auf den Boden werfen. Manch ein Abfalleimer sollte allerdings noch öfter geleert werden, denn auch die neuen, größeren Behälter laufen zumindest teilweise immer wieder über (einige nach meinem Eindruck anscheinend sogar regelmäßig).

Inakzeptabel finde ich jedoch, daß - wenn man es über die Jahre betrachtet - offensichtlich versucht wird, die Innenstadt von Leuten, die nach der offensichtlichen Auffassung mancher hoher Herren dort nicht hingehören, zu säubern. Die Probleme, daß es Menschen gibt, die zu Alkoholmißbrauch neigen oder obdachlos sind (oder beides zugleich) lassen sich nicht dadurch lösen, daß man diese Menschen fortjagt. Man muß an den Ursachen arbeiten - das dauert zwar länger und wirkt sich nicht isoliert auf die "saubere" Innenstadt aus, doch wenn man das richtig anpackt, dann wirkt es langfristig (man könnte auch sagen: nachhaltig) und vermeidet menschliches Leid, anstatt es zu verschärfen.

MMn sollte Freiburg für Alle da sein - als eine offene, liebens- und lebenswerte Stadt.

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